a) Vorgeschichte

Nach vorherigen Versuchen von Flugpostbeförderungen in den Jahren 1909, 1911 und 1912 war die Flugpost am Rhein und am Main im Juni 1912 die erste ihrer Art, bei der es zu einer engen und intensiven Zusammenarbeit zwischen der damaligen Reichspost und dem Veranstalter unter technischer Mitwirkung der DELAG (Deutsche Luftschifffahrts- Aktiengesellschaft) gekommen war. Hierbei handelte es sich um eine Sonderbeförderung, während der eigentliche, planmäßige Luftpostdienst in Deutschland erst sieben Jahre später, am 06. Februar 1919, mit der Inbetriebnahme der regulären Luftlinie Berlin - Weimar eröffnet wurde.

Insoweit kommt der Initiatorin, Ihre Königliche Hoheit Großherzogin Eleonore von Hessen und bei Rhein, das Prädikat zu, findig und ihrer Zeit voraus gewesen zu sein, uneigennützig über der Verkauf von Zusatzporto und Sonderkarten, welche extra zu diesem Anlass hergestellt wurden, einer wohltätigen Organisation hilfreich unter die Arme zu greifen. Die ursprüngliche Anregung soll vom befreundeten Flugzeugkonstrukteur August Euler gekommen sein.

Bereits im Jahre 1906 wurde anlässlich der Geburt ihres Sohnes, Erbgroßherzog Georg Donatus, die „Ernst Ludwig und Eleonore-Stiftung" gegründet, welche die „Großherzogliche Zentrale für Mütter- und Säuglingsfürsorge", ausgestattet mit einem gezeichneten Grundvermögen von 50.000 Mark, ins Leben gerufen hatte und auch gegenwärtig noch als Trägerin einer Kinderklinik in Darmstadt fungiert. Da die Mittel des Stiftungsvermögens allein für den Zweck bei weitem nicht ausreichten, sind Spendensammlungen verschiedenster Art durchgeführt worden.

Eleonore Großherzogin von Hessen und bei Rhein (geb. Solms-Hohensolms-Lich) 1871-1937

In den Jahren 1907 bis 1909 wurden an so genannten Blumenverkaufstagen von Künstlern gestaltete Sonderkarten verausgabt. Im Jahre 1910 wurde von der Großherzoglichen Fürsorgezentrale eine anschriftenseitig nummerierte Serie von sechs schwarz-weiß Fotokarten mit Bildmotiven (anschriftenseitig schwarzem Druck) aus dem Leben der großherzoglichen Familie herausgegeben. Im Jahre 1911 erfolgte die Ausgabe von insgesamt bisher bekannt gewordenen 12 bildgleicher, bildlich geänderter, bzw. zusätzlicher Fotokarten mit anschriftenseitig braunfarbenem Druck. Der Popularität der großherzoglichen Familie wegen erfreuten sich die Karten 1910/1911 insgesamt großer Beliebtheit, so dass Restmengen auch im Rahmen der kurzfristig von einer Postkartenwoche in Flugwochen („Luftpostkarten-Verkaufstage") abgeänderte Veranstaltung von 1912 gelegentliche Verwendung fanden. Aus den Anfängen einer einzigen Künstlerkarte zum Blumentag 1907 wurden 1910 sechs und 1911 siebzehn, teils bildgleiche, Sonderkarten. Ein offizieller Verkaufstag war längst unzureichend. Deshalb entschied sich das „Patronat der Großherzoglichen Zentrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge in Hessen" Anfang April 1912 mittels Sonderkuvert zu der Ankündigung einer „Postkartenwoche der Großherzogin" an alle Großherzoglichen Hessischen Kreisämter, welche mit einer Siegelmarke, einer Briefverschlussmarke versehen wurden. Es folgen weitere Anweisungen und Schriftwechsel mit den Oberpostdirektionen Darmstadt und Frankfurt sowie dem Reichspostamt Berlin. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Reichspost mit derartigen Dingen nicht abgegeben, aber schließlich behandelte die Post die Wünsche der Großherzogin wohlwollend und beteiligte sich zum ersten Mal an einem Luftpostdienst. Das großherzogliche Paar weilte bei den Verwandten, der Zarenfamilie in Russland. Auf der Krim entstanden Aufnahmen von den Kindern beider Familien. Diese Bilder dienten später als Bildvorlagen. Dann passierte die Sensation. Am 04. Juni 1912 wurden die Kreisämter darüber unterrichtet, anstelle einer Postkartenwoche fände eine Flugpostkartenwoche mit eigenen Luftpostmarken statt. Die Unterrichtung der Presse erfolgte am 06. Juni 1912. Alles überschlug sich, so dass der angekündigte Beginn, Sonntag, der 09. Juni 1912 nicht mehr gehalten werden konnte.

b) Vorbereitung

Zunächst galt es für den Veranstalter die technischen Voraussetzungen für die erstmalige Beförderung der Post auf dem Luftwege zu schaffen. Mit der DELAG und den Euler-Werken konnten die damals führenden Entwickler und Betreiber von Luftfahrzeugen gewonnen werden. Mit diesen hatte die Großherzogliche Zentrale die Beförderung der Flugpostkarten mit dem Zeppelin-Luftschiff "Schwaben" und durch das Euler-Flugzeug "Gelber Hund" im Rhein-Main-Gebiet vereinbart. Dabei war das Patronat bemüht, die Luftbeförderungskosten möglichst niedrig zu halten, da es sich um eine Wohltätigkeitsveranstaltung handelte. Während der befreundete August Euler die Flugzeugaufwendungen aus eignem Budget finanzierte, ist bekannt geworden, dass die DELAG ihr Luftschiff immerhin für die erste Fahrt unentgeltlich zur Verfügung stellte, von da ab aber für den 20 kg-Sack Postkarten 50 Mark berechnete und dementsprechend die zweite Postbeförderung mit rund 1.000 Mark zu Buche schlug.

Der Deutschen Reichspost wurde die Aufgabe zugedacht, die in die regulären örtlichen Briefkästen eingeworfenen Postkarten auszusortieren und der jeweils nächstgelegenen Sonderpostabfertigungsstelle zum dortigen Abstempeln, Ordnen und Bündeln zuzuleiten. Weiterhin den Postaustausch in postamtlich verschlossenen Beuteln mit den Luftfahrzeugen zu besorgen und die geflogenen Postkarten an die Empfänger im In- und Ausland auf dem gewöhnlichen Postwege weiterzuleiten. Das dies nicht so einfach mit einer kaiserlichen Behörde umzusetzen war, ist auch aus heutiger sicht noch nachvollziehbar.

Schließlich lief parallel hierzu auch eine Werbekampagne an, welche auch nach heutigen Maßstäben als durchaus professionell bezeichnet werden kann. Aus dem Inhalt eines Schreibens des Patronates im Mai 1912 an die örtlichen Vereine:

"Wie Ihnen wohl schon bekannt ist, veranstalten Ihre Königliche Hoheit die Frau Grossherzogin in der zweiten Woche des Juni eine allgemeine Postkartenwoche zum Besten der Mutter- und Säuglingsfürsorge. Es ist dabei beabsichtigt, auch Vereine, deren Wirkungskreis nicht unmittelbar auf dem Gebiet der Mutter- und Säuglingsfürsorge liegt, zu bitten, bei dem Verkauf der Postkarten- und Wohlfahrtsbilder mitzuwirken. Diese Vereine erhalten zu Gunsten ihres Vereinsvermögens den unten erwähnten Rabatt. Zum Verkauf gelangen:
1. Postkarten in Bromsilber-Ausführung mit neuen Aufnahmen Seiner Königlichen Hoheit des Grossherzogs, Ihrer Königliche Hoheit der Frau Grossherzogin, der Grossherzoglichen Prinzen und eine neue Gruppenaufnahme der Grossherzoglichen Familie, sowie gut ausgeführte Buntdruckkarten nah Originalen von Eugen Bracht. Der Verkaufspreis an das Publikum beträgt 10 Pfg. pro Stück. Die eingangs erwähnten Vereine erhalten bei fester Bestellung von mindestens 50 Stück einen Rabatt von 2 Pfg. pro Karte.
2. Wohlfahrtsbilder mit denselben Aufnahmen in der Grösse von 19/26 cm und einem Passepartout zum Aufstellen. Der Verkaufspreis dieser Bilder beträgt 1 Mk. Die genannten Vereine erhalten bei einer festen Bestellung von mindestens 10 Stück einen Rabatt von 30 Pfg. pro Bild.
Restbestände können auch nach Ablauf der Postkartenwoche ohne Zeitgrenze vertrieben werden. Wir wären auch Ihrem Verein dankbar, wenn er sich an dem Verkauf der Postkarten und Bilder im Interesse der guten Sache beteiligte und eine wenn auch kleine Anzahl von Bildern oder Postkarten fest bestellte. Bestellungen bitten wir umgehend an das Kreiskomitee unseres Kreises (Adresse Großes Kreisamt) zu richten, da spätere Bestellungen von den liefernden Firmen vielleicht nicht mehr ausgeführt werden könnten. Probebilder und Probekarten sind in dem Laden in Darmstadt, Wilhelminenstr. 35 (Ecke Hügelstr.) und in mehreren anderen Läden ausgestellt."

In einem Schreiben des Patronates (Regierungsrat Pistor) am 06. Juni 1912 an die örtlichen Zeitungsredaktionen heißt es:
"Unikum für Markensammler. Die erste deutsche Luftpostmarke ist soeben erschienen und gelangt zur Postkartenwoche der Großherzogin von Hessen am 09. Juni erstmalig und nur für wenige Tage im Großherzogtum und in Frankfurt a. M. zur Ausgabe. Die von Prof. Kleukens entworfene Marke zeigt auf rotbraunem Grund als Symbol der Flugpost einen im Licht der aufgehenden Sonne über den Wolken schwebenden Phantasievogel. Die Auflage ist beschränkt; die Marken erhalten also einen besonderen Wert. Bedingung der Genehmigung des Reichspostamtes war die Garantie, dass alle Luftpostkarten wenigstens einen Teil des Postwegs durch die Luft zurücklegen (Postluftschiff "Schwaben"; Flugzeuge). Der Stempel der Reichspost lautet: "Flugpost am Rhein und Main, Frankfurt oder Darmstadt - (folgt Datum)". Die Flugpost befördert vom 9. Juni ab die offiziellen Karten, die in die Briefkästen der Reichspost zu werfen sind, überall hin. Die Postkartenwoche steht unter dem Patronate der Großherzogin von Hessen. Der Ertrag dient den von ihr verfolgten gemeinnützigen Zwecken (Anfragen unter Postkartenwoche, Altes Palais, Darmstadt)."

Siegelmarke auf Werbebrief
Werbeanzeige Darmstädter Tagblatt Montag, 10. Juni 1912
c) Örtlichkeiten

Im Zentrum der Postkartenwoche, welche unter der Schirmherrschaft (Protektorat) Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin Eleonore von Hessen und Rhein stand, stand nicht etwa Frankfurt am Main, sondern die Residenzstadt Darmstadt. Und dort stand der damalige Exerzierplatz (im Jahre 2010 im Viertel : Rheinstraße, Berliner Allee, Spree- und Havelstraße belegen) im Mittelpunkt:

Aus Sicht der Luftfahrt war bei der Aktion die Stadt Frankfurt am Main von besonderer Bedeutung. Dort befand sich, im Gegensatz zu den anderen Städten, einen Luftschiff-Landeplatz auf dem Rebstock-Gelände. Außerdem befand sich in dem Frankfurter Vorort Niederrad der Euler-Werke-Flugplatz.

Aufstieg des Luftschiffes "Schwaben" auf dem Rebstock-Gelände in Frankfurt am Main zur ersten Postfahrt nach Offenbach am Main am 12. Juni 1912

d) Postalischer Hintergrund

Für die postalische Organisation war übergeordnet das Reichs-Postamt mit Sitz in Berlin (RPA) zuständig. Als Bindeglied zu den örtlichen Postämtern fungierten als Mittelbehörden die beiden gleichrangigen kaiserlichen Ober-Postdirektionen in Frankfurt am Main (verantwortlich für das Stadtgebiet und deren Vororte) sowie Darmstadt (gesamte Veranstaltungsregion mit Ausnahme der Stadt Frankfurt). Mit Schreiben vom 30. Mai 1912 teilte die kaiserliche Ober-Postdirektion Darmstadt der kaiserlichen Ober-Postdirektion Frankfurt am Main mit, dass unter der Schirmherrschaft Ihrer Königlichen Hoheit, der Großherzogin von Hessen, in den Tagen vom 9. bis 16. Juni 1912 eine Postkartenwoche zum Besten der Mutter- und Säuglingsfürsorge in Hessen stattfinden sollte. Im Schriftsatz wurde um die Mitwirkung der kaiserlichen Ober-Postdirektion in Frankfurt am Main ersucht und der Besuch des Regierungsrates Pistor als Vertreter des Veranstalters angekündigt. Auf eine gemeinsame Berichterstattung an das Reichs-Postamt in Berlin wurde verzichtet. Nach dem Einverständnis der kaiserlichen Ober-Postdirektionen Frankfurt am Main berichtete die kaiserliche Ober-Postdirektion Darmstadt dem Reichs-Postamt wegen der Kürze der noch zur Verfügung stehenden Zeit telegraphisch von dem geplanten Vorhaben. Die dortige Genehmigungsverfügung vom 1. Juni 1912 ging sodann parallel bei den beiden Ober-Postdirektionen ein:

An die kaiserlichen Postämter in Frankfurt am Main und seine eingemeindeten Vororte erging am Mittwoch, dem 5. Juni 1912 eine Verfügung der kaiserlichen Ober-Postdirektion Frankfurt am Main, welche die Postämter über den Verlauf der Postenkartenwoche unterrichtete. Ebenso wurden sie besonders auf ihre Mitwirkung hingewiesen. Unter anderem hieß es dort:

„Diejenigen Postkarten, die durch die Luftpost befördert werden sollen, erhalten eine weitere, von der Großherzoglichen Zentrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge in Hessen hergestellte Marke, die auf dem linken Teile der Vorderseite in den zu Mitteilungen bestimmten Raum aufgeklebt wird (Luftmarke). …. Zur Abstempelung dieser Luftschiff-Postkarten und zwar sowohl der Postwertzeichen als auch der Luftmarken werden besondere Aufgabestempel benutzt werden. Das Reichs-Postamt hat genehmigt, dass die in der Zeit vom 9. bis 16. Juni in den Städten, in denen das Luftschiff Post aufnehmen soll, zur Auflieferung kommenden Luftpostkarten durch die gewöhnlichen Straßenbriefkästen eingeliefert werden können. Diese Karten sind nicht (in Einzelfällen aber dennoch versehentlich praktiziert) mit dem gewöhnlichen Aufgabestempel (Ortsstempel) zu bedrucken, sondern auszusondern und bei der nächsten Gelegenheit in einem mit der in die Augen fallenden Aufschrift LUFTSCHIFF-POSTKARTEN versehenen Bunde dem Postamt 9 hier zuzuführen, das für ihre Bedruckung mit dem besonderen Aufgabestempel sowie für ihre Weiterbeförderung Sorge tragen wird. Die von den Luftposten hier eingehenden LUFTSCHIFF-POSTKARTEN sind wie gewöhnliche Postsendungen zu behandeln. Die Postagenturen sind von den Abrechnungs-Postämtern mit genauer Anweisung zu versehen."

Mit Verfügung der kaiserlichen Ober-Postdirektion Darmstadt vom Freitag, 7. Juni 1912 wurden die kaiserlichen Postämter Darmstadt 1, Offenbach (Main), Mainz 1 sowie Worms unterrichtet. Sie erhielten folgende Anweisung zur Durchführung der Postkartenwoche:

„Die zur Beförderung mit dem Luftschiff bestimmten offiziellen Postkarten der Zentrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge sollen - abgesehen von der Postfreimarke - mit einer besonderen von der Zentrale herausgegeben Marke versehen werden, die auf dem für die Mitteilung bestimmten Teil der Vorderseite der Postkarte aufgeklebt wird. …. Derartige, in den in Betracht kommenden Städten zur Luftbeförderung aufgelieferten Postkarten sind mit einem besonderen, auf Kosten der Zentrale beschafften Stempel zu bedrucken. …. Die mit den von der Zentrale als Luftpostkarten gekennzeichneten offiziellen Wohltätigkeits-Postkarten sind bei jeder Kastenleerung auszusondern, zu zählen und mit dem Sonderstempel sowohl auf dem Postwertzeichen als auch auf der Luftmarke deutlich zu bedrucken. …. Sollten die Stempelabdrucke unleserlich ausgefallen sein, so wäre ein dritter Abdruck auf der Postkarte herzustellen. …. Die vom 9. Juni ab für den ersten Flugtag eingesammelten Luftpostkarten sind mit dem Datum des 12. (geplanter erster Flugtermin des Luftschiffes), die später eingelieferten mit dem Datum der Anlieferung abzustempeln."

Aus der Verfügung der kaiserlichen Ober-Postdirektion Darmstadt an die angeschlossen Postämter geht eindeutig hervor, dass das erste Verwendungsdatum des Sonderpoststempels der 12. Juni sein musste, gleichgültig ob die Luftpostkarten am 9., 10., 11. oder 12. Juni 1912 eingeliefert wurden. Die kaiserliche Ober-Postdirektion Frankfurt am Main gab keine derartige Anweisung heraus. Deshalb wurde der Sonderstempel in Frankfurt am Main bereits vom 10. Juni an jeweils mit dem gültigen Datum verwendet. Aus der Fachliteratur ist ein Stempelabdruck Frankfurt (Main) mit dem Datum 9. Juni auf einer Postkarte bekannt, deren Absender der Hersteller des Stempels ist. Hieraus lässt sich ableiten: Der 9. Juni 1912 ist kein echten echtes Verwendungsdatum.

Von der Ober-Postdirektion Frankfurt am Main wurde der dortige Ober-Postinspektor Lindemann mit der Durchführung der Postkartenwoche beauftragt. In seiner Funktion erhielt er die Anweisung, in Verbindung mit dem Postamt Frankfurt 9 alle erforderlichen Maßnahmen und Verabredungen zu treffen. In erster Linie war der Verkauf der Karten und Marken zu organisieren. Als Ansprechpartner des Veranstalters benannte man für Frankfurt am Main Herrn Dr. Rikoff, ein Mitglied des Flugsportklubs. Mit ihm waren alle Vereinbarungen zu treffen. Er hat auch die Karten und Flugmarken der Post zum Verkauf übergeben. Herr Lindemann berichtete der Kaiserlichen Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main am Samstag, 8. Juni 1912:

„Die Karten- und Markenverkaufsstelle im Laden Kaiserstraße 19 wird am Montag, 10 Juni 8 Uhr vormittags eröffnet werden. Sie ist werktäglich von 8 Uhr vormittags bis 8 Uhr nachmittags geöffnet, und in der Zeit von 8 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags sowie von 3 Uhr bis 8 Uhr nachmittags mit zwei Unterbeamten und in der Zeit von 1 Uhr bis 3 Uhr nachmittags mit einem Unterbeamten besetzt."

Verkauf in Frankfurt am Main, Kaiserstraße 19
(Gebäude wurde im II. Weltkrieg zerstört)

Lindemann betonte ferner, dass die Unterbeamten mit besonderer Sorgfalt ausgewählt worden waren. Das Postamt Frankfurt 9 war beauftragt, die Verkaufsstelle zu überwachen und nötigenfalls personell zu verstärken. Am Montag, dem 10. Juni 1912 um 7.30 Uhr, fand die geplante Übergabe der Karten und der Flugmarken von Dr. Rikoff an die Unterbeamten statt. Das Postamt Frankfurt 9 hatte die Verkaufsstelle mit einem Bestand an 5 und 10 Pf-Marken versehen. In den anderen Städten wurden die Vorbereitungen vermutlich in ähnlicher Weise getroffen. Von Seiten des Veranstalters waren in Offenbach am Main der Kreisarzt Lochmann, in Mainz der Provinzialdirektor Geh. Rat Dr. Breidert und in Worms der Oberbürgermeister Köhler und der Polizeiinspektor Bischoff verantwortlich. Nachdem bereits die Sonderstempel vom Patronat beschafft worden waren, mussten vom Veranstalter wenigstens keine besonderen Briefkästen bereit gestellt werden, welche die Genehmigungsverfügung des Reichs-Postamtes noch vorgesehen hatte. Diese kamen jedoch nicht zum Einsatz, da durch eine zweite Verfügung des RPA ausnahmsweise die Mitbenutzung der gewöhnlichen Straßenbriefkästen genehmigt wurde und diese Situation auch zur vereinzelten Verwendung von einfachen Ortsstempeln auf Luftpostkarten führte, welche versehentlich zunächst mit der regulären Post verwechselt worden sind.

In der Stadt Frankfurt am Main, welche nicht zum Großherzogtum Hessen gehörte, wurden offiziell auch keine Karten mit Fotos der Großherzoglichen Familie angeboten. Dennoch gibt es eine Vielzahl solcher Karten, die in Frankfurt am Main abgestempelt worden sind. Diese Tatsache war den findigen Offenbacher Straßenverkäufern zu verdanken. In der Presse wurde damals berichtet, dass „hübsche Offenbacher Mädchen" ihre Karten im Straßenverkauf anboten und dort gute Geschäfte gemacht hätten.

Mit Rücksicht auf den stärkeren Postkartenverkauf wünschte die Zentrale, von der Großherzogin persönlich unterstützt, eine Verlängerung der Veranstaltung um acht Tage in der seitherigen Weise. Der entsprechende Antrag der Ober-Postdirektion Darmstadt vom Samstag, dem 15. Juni 1912 wurde vom Reichs-Postamt Berlin ohne Einwendungen genehmigt.

Die bisher erwähnten Telegramme waren nicht die einzigen, die zwischen dem Reichs-Postamt in Berlin und den beiden kaiserlichen Ober-Postdirektionen gewechselt wurden. Am Freitag, dem 14. Juni 1912 erhielt die kaiserliche Ober-Postdirektion Frankfurt am Main folgende Nachricht:

„Wie in Erfahrung gebracht, wird in Darmstadt private Flugpostmarke auf Karten der Postkartenwoche mit amtlichen Aufgabestempel Flugpost am Rhein und Main bedruckt. Falls diese unzulässige Abstempelung auch in Frankfurt stattfindet, sofort einstellen."

Das Reich-Postamt Berlin wollte also unterbinden, dass der hoheitlich eingesetzte Stempel (obwohl von der Zentrale bezahlt) auch auf den privaten Luftpostmarken verwendet wurde. Die telegraphische Antwort der kaiserlichen Ober-Postdirektion Frankfurt am Main vom Sonntag, dem 16. Juni 1912 lautete:

„Soeben lese ich nach Rückkehr von Dienstreise das dortige Telegramm vom 14. betreffend der Untersagung des Bedruckens der Flugpostmarken mit Aufgabestempel Flugpost am Rhein und Main. Damit wird der ganze Zweck wohltätiger Bestrebungen lahm gelegt. Da das Verfahren bereits eine Woche besteht, wird weitere Genehmigung desselben beantragt und telegraphische Bescheinigung erbeten."

Noch am gleichen Tage kam die Antwort vom Reichs-Postamt Berlin:

„Telegraphischer Antrag auf Weiterstempelung der Flugpost in bisheriger Weise genehmigt."

Der telegraphische Schriftwechsel mit dem Reichs-Postamt hatte unmittelbar zur Folge, dass die Flugmarken am 15. und 16. Juni teilweise nicht mitabgestempelt wurden. Etliche dieser Karten sind entsprechend später zur Abstempelung noch vor der Beförderung gelangt. Es war auch möglich, dass bei Vorlage der Karten die Flugmarken nachgestempelt worden sind. Dabei existieren Karten, deren beide Stempel im Datum unterschiedlich sind, also die Luftpostmarke ein späteres Stempeldatum als die reguläre Reichspostmarke auf demselben Exemplar aufweist.

In seinem Schlussbericht schrieb der Ober-Postinspektor Lindemann unter anderem:

„Infolge des am 14. Juni 1912 vom Reichs-Postamt hier eingegangenen Telegramms, durch das die Abstempelung der Flugmarken untersagt wurde, sind etwa 300 Flugzeugkarten, so genannte Gelbe-Hund-Karten ohne abgestempelte Flugmarken zur Absendung gelangt, während die in vielen tausend Exemplaren bei Ffm 9 vorliegenden, gewöhnlichen Flugpostkarten, deren Flugmarken nicht gestempelt waren, glücklicherweise noch bis der am 16. abends erfolgten Zurücknahme der vorstehend erwähnten telegraphischen Verfügung des RPA noch nicht hatten zur Absendung gebracht werden können. Die Abstempelung der Flugmarken auf diesen Karten hat infolgedessen nachgeholt werden können. Es ist dies ein besonders glücklicher Zufall gewesen, da andernfalls das PA Ffm 9 mit Beschwerden und Anträgen auf nachträgliche Abstempelung der Flugmarken seitens des sich benachteiligt haltenden Publikums geradezu überflutet worden wäre. Von den erwähnten 300 Gelbe-Hund-Karten ist z.B. eine große Zahl dem PA Ffm 9 von den Empfängern mit dem Antrag wieder zurückgesandt worden, die Abstempelung nachträglich vorzunehmen. Das PA Ffm 9 hat diesen Anträgen in allen Fällen stattgegeben. …..
Bei der Beförderung der Flugpostkarten ist mit besonderer Sorgfalt darauf gehalten worden, dass entsprechend der Verfügung des RPA vom 1. Juni sämtliche Flugpostkarten, wenigstens streckenweise, sei es mit dem Euler-Flugzeug Gelber Hund, sei es mit dem Zeppelin-Luftschiff Schwaben Beförderung erhalten haben."

Einige Unternehmen erkannten in der besonderen Postbeförderung eine gute Gelegenheit zur Werbung. Sie kauften größere Mengen Grußkarten und versahen diese mit einem Werbeeindruck und versandten sie gezielt an ihre Kundschaft. Dies war die erste Werbung per Luftpost.

Die Reichspost achtete nicht auf die Beschaffenheit der Sendungen. Es wurde nur geprüft, ob Postwertzeichen und Luftpostmarke als Voraussetzung für die Beförderung aufgebracht waren. Aus diesem Grund gibt es eine Anzahl von Belegen, die nicht in das Schema der Veranstaltung passen. Beispielsweise kamen Wohlfahrtspostkarten der beiden Vorjahre zur Verwendung. Sie zählen ebenso zu den seltenen Stücken, wie diverse private Postkarten oder gar einzelne Briefsendungen, welche offiziell gar nicht zulässig waren. Raritäten sind auch Karten, die während der Fahrten des Luftschiffes „Schwaben" an Bord aufgegeben wurden und dort mit dem zusätzlichen Abdruck des Bordstempels versehen wurden.

e) Ablauf der Veranstaltung

Das Ereignis wurde von einem respektablen Rahmenprogramm begleitet, welches die gesamte damalige Bevölkerung ansprechen sollte und öffentlich weit über die Zunft der reinen Briefmarkensammler hinaus beachtet wurde. So wurde der Exerzierplatz in Darmstadt für die Ankunft des Flugzeugs und des Luftschiffes extra abgesperrt und Eintritt (20 Pfg. bzw. 50 Pfg) erhoben. Trotzdem fanden sich vor Ort 15 000 begeisterte Zeitzeugen ein, welche eine Stimmung erzeugten, die keinen Vergleich zur Atmosphäre während eines heutigen Fußball-Bundesligaspiels in einem großen Stadion scheuen musste. Im Programm für Darmstadt heißt es:

Sonntag, den 9. Juni 1912: Eröffnung der „Flugpost am Rhein und Main" (reichspostalischer Stempel: „Flugpost am Rhein und Main"). Das Luftpostamt, Rheinstraße 14, ist offen von vormittags 11-1 Uhr. - Großes Konzert sämtlicher Militärkapellen der Haupt- und Residenzstadt Darmstadt bei dem Luftpostamt 11 - 12 ½ Uhr. (Konzertprogramm in den Tageszeitungen.) Luftpostwertzeichen. (Die wie üblich frankierte und mit der Luftpostmarke (10 Pfg.) versehene Postkarte kann in jeden Briefkasten der Reichspost geworfen werden; sie wird dann mit dem Zeppelin-Postschiff „Schwaben" durch die Luft befördert und darauf an jede beliebige Adresse des Weltpostverkehrs gesandt.) - Ausgabe der nur in kleiner Auflage erscheinenden Flugzeugkarten, befördert durch Leutnant von Hiddessen nach aufgedrucktem Postweg.
Montag, den 10. Juni 1912: Mittags 12-1 Uhr: Militärkonzert auf dem Luisenplatz. Nachmittags 4 Uhr: Monstrekonzert der vereinigten Militärkapellen Darmstadts auf dem Darmstädter Exerzierplatz. Eröffnung des Flugpostamtes auf dem Exerzierplatz (Südfront); Abholung der auf dem Flugpostamt und am Sonntag und Montag in der Stadt (in jeden Briefkasten) aufgegebenen Post. Gegen Abend: Ankunft der Postflugmaschine „Gelber Hund". Der Platz ist abgesperrt (Eintritt 20 Pfennig).
Dienstag, den 11. Juni 1912: Verkauf der offiziellen Postkarten und Luftpostwertzeichen in den als Verkaufsstellen bezeichneten Läden und in dem Luftpostamt.
Mittwoch, den 12. Juni 1912: Mittags 12-1 Uhr: Drei Militärkonzerte: Luisenplatz, Paradeplatz, Marktplatz. 4 Uhr nachmittags: Militärkonzert mehrerer Kapellen auf dem Darmstädter Exerzierplatz in der Nähe des Flugpostamtes (Südfront). Gegen Abend: Ankunft des Postluftschiffes (Zeppelinluftschiff) „Schwaben". Aufnahme der an diesem Tage und vorher aufgegebenen Luftpost durch das Postluftschiff „Schwaben" und Abgabe der Post Frankfurt-Darmstadt mittels besonderer Vorrichtungen (Postflugseil). Der Platz ist abgesperrt. Eintritt 50 Pfennig. Verkauf der Flugpostmarken und -karten.
Donnerstag, den 13. Juni 1912 und Freitag, den 14. Juni 1912: Verkauf der offiziellen Postkarten und Luftpostwertzeichen in den als Verkaufsstellen bezeichneten Läden.
Samstag, den 15. oder Sonntag, den 16. Juni 1912: Wie am Mittwoch (nach späterer Mitteilung).
- Änderungen vorbehalten. Bei Regen und Sturm werden die Veranstaltungen vom 10., 12., 15. (16.) Juni auf einen anderen Tag der Woche verlegt, was durch Anschlag bekannt gegeben wird.


Die Veranstaltung wurde daraufhin von größtem öffentlichen Interesse begleitet, wie das Darmstädter Tagblatt zu berichten wusste:

"Die Postkartenwoche hat gestern (Sonntag, 9. Juni 1912) mit bestem Erfolg ihren Anfang genommen. Bei der Eröffnung der Luftpost in der (darmstädter) Rheinstraße war der Andrang so stark, dass zeitweilig durch die Polizei abgesperrt werden musste. Mittags zwischen 11.00 und 12.30 Uhr fanden Massenkonzerte sämtlicher Militärkapellen der Garnison in der Grafen- und Rheinstraße statt. In den Straßen promenierte ein zahlreiches festlich gekleidetes Publikum."

"Am 10.6. (zweiter Tag) nachmittags zogen sämtliche Militärkapellen der Garnison mit Musik, voran berittene Postillone, durch die Straßen nach dem Exerzierplatz, wo um 16.00 Uhr das Flugpostamt eröffnet wurde. Große gelbe Briefkästen waren vor dem mit Girlanden geschmückten Flugpostamt und auf dem Platz verstreut aufgestellt. Die Verkaufsstände mit Bildern und namentlich Flugpostkarten nebst Marken waren fortgesetzt belagert, und dauernd ergossen sich neue Scharen von Besuchern auf den durch die Militär- und Schutzmannschaften streng abgesperrten Platz, wo das Publikum bei dem Monstrekonzert (Armeegroßkonzert) sämtlicher Kapellen lustwandelte. ..…..
Kurz vor 19.00 Uhr verkündeten Hörnersignale der berittenen Postillone das Nahen des Großherzogpaares mit Besuch und Gefolge. ….. Das Großherzogspaar unterschreib vielfach Ansichtskarten. ….. Um 19.30 Uhr schritt unter 1000-stimmigen Hurrarufen die Postflugmaschine „Gelber Hund" zur Landung." …

„Aus Anlaß des Besuchs des Postluftschiffes „Schwaben" ergoß sich am 4. Tag (Mittwoch, 12. Juni 1912) wieder eine Völkerwanderung nach dem Exerzierplatz, wo man bei Massen-Militärkonzerten promenierte, Postkarten kaufte usw. Um 17.00 Uhr waren etwa 15 000 Menschen anwesend. …."

Für die Luftpostbeförderung existierte kein regulärer Fahrplan.

Das Luftschiff verband aus wirtschaftlichen Gründen die Postbeutelbeförderung mit Passagierfahrten, wie sie entsprechend der vorliegenden Buchungen anfielen. Am 11. Juni traf das Luftschiff "Schwaben", von Baden-Oos kommend, um 09.30 Uhr in Frankfurt am Main ein. Am 12. Juni erfolgte zunächst eine Probefahrt nach Wiesbaden. Diese Fahrt diente unter anderem dazu, die Vorrichtungen für die Aufnahme bzw. Abgabe der Post in den anderen Orten zu testen. An einer Leine mit einem Haken sollten die 25 kg schweren Postsäcke, mit einem jeweiligen Fassungsvermögen von über 5 000 Karten, abgelassen bzw. aufgenommen werden.
Am gleichen Tage gegen 18.00 Uhr nahm das Luftschiff seine erste Postfahrt unter Mitführung der Reichs-Postflagge vom Rebstock-Gelände in Frankfurt am Main auf. Die Städte Offenbach am Main, Darmstadt und Mainz wurden bei dieser Fahrt angesteuert und sie endete wieder am Ausgangsort. In allen Städten wurde Post aufgenommen und abgelassen. Am nächsten Tag, dem 13. Juni, fuhr das Luftschiff nach Worms.

Während das Flugzeug zur Postübernahme, wie unten ausgeführt, regulär landete, kam das Luftschiff in niedriger Höhe, in der Luft schwebend, zum Stehen. Der Zeppelin warf die Postbeutel an Fallschirmen ab, während die aufzunehmenden Beutel an einem herabgelassenen Seil in die Kabine heraufgezogen wurden. Da dieses Verfahren erstmalig praktiziert wurde, war dies naturgemäß mit den üblichen Anfangsschwierigkeiten verbunden, was Auszüge aus den zeitgenössischen örtlichen Zeitungsberichten belegen:

„Das Luftschiff kommt, ohne zu landen, bis auf zirka 50 m herunter. Ein Postseil wird abgeworfen, 70 m lang. Daran befindet sich ein Karabinerhaken, der von den Postbeamten rasch in den Ring des bereitgehaltenen Postsackes eingehakt wird. Das Postseil läuft mit Gegengewicht auf einer Rolle, so dass es sofort sehr schnell auf halbe Höhe hinaufgezogen werden und dann nicht mehr mit Bäumen oder Gebäulichkeiten in Berührung kommen kann. Während der Weiterfahrt wird der Beutel in die Gondel gezogen."

„Das Luftschiff „Schwaben" warf am Montag, 17. 6.1912 über dem Exerzierplatz in Darmstadt zwei Postbeutel mit Fallschirm ab. Die bereitgestellte Darmstädter Luftpost konnte nicht übernommen werden, da nach einem ausgeworfenen Telegramm das Flugseil in Offenbach am Main infolge ungünstiger Verhältnisse und des starken Windes unbrauchbar wurde und abgeschnitten werden musste, so dass die Offenbacher Post zurückblieb."

„Luftpost-Landungs- und -Ladeplatz Darmstadt, Dienstag 18.6.1912. Aus etwa 100 m Höhe warf die „Schwaben" den ersten Postkartenbeutel ab, der am Fallschirm ruhig und sanft niederschwebte. Nicht so glatt ging es mit dem zweiten Beutel, dessen Last für den Fallschirm zu groß war. Dieser zerriß, und der schwere Beutel sauste in die Tiefe. Dieses Schauspiel wiederholte sich noch mehrmals. Sechs Postbeutel flogen so herab, dann hatte das Luftschiff den Platz überflogen. Es stieg schnell höher und erschien nach einer Schleife nochmals. Noch fünf Postbeutel an Fallschirmen flogen herab. Im ganzen wurden elf schwere Postbeutel herab geworfen. Nicht weniger als fünf Fallschirme zerrissen, jedoch nahm niemand Schaden, da der Platz gut abgesperrt war."

Nach dem Flug nach Worms kehrte das Luftschiff in seinen Heimathafen Baden-Oos zurück. Am 17. Juni traf das Luftschiff erneut in Frankfurt am Main ein und führte eine Postfahrt nach Offenbach am Main aus. Dort gab es bei der Postaufnahme Schwierigkeiten, so dass der Zeppelin insoweit unverrichteter Dinge nach Frankfurt zurückkehrte. Am nächsten Tag, dem 18. Juni, startete die „Schwaben" nach Darmstadt und fuhr mit der dort aufgenommen Post wieder nach Frankfurt am Main zurück. Das Luftschiff kehrte dann am 19. Juni nach Baden-Oos zurück und warf bei dieser Fahrt in Worms Post ab. Da es bis zur Beendigung der Postkartenwoche am Sonntag, dem 23. Juni nicht möglich war, sämtliche eingelieferte Post zu befördern, musste das Luftschiff erneut nach Frankfurt am Main kommen. Am 24. Juni (nach anderen Quellen 27. Juni) führte es dann nochmals eine abschließende Postfahrt durch. Auch an diesem Tage fuhr die „Schwaben" mit der Reichs-Postflagge.
Hierbei wurde die eigentlich für das - jetzt defekte - Postflugzeug vorgesehene Restpost mitbefördert und auch die noch vom Patronat rasch aufgelieferten Aufbrauchverwendungen mittransportiert. Diese Karten fallen durch ihre Adressierung an das „Alte Palais Darmstadt" und dem späten Stempeldatum 23. Juni 1912 auf und sind relativ häufig in unterschiedlichen Aufmachungen anzutreffen. Sie wurden nach Ablauf der Veranstaltung zu späteren Zeitpunkten insbesondere an große Briefmarkenhändler (z.B. Gebrüder Senf, Leipzig oder Eugen Sekula, Luzern - Schweiz) verkauft. Aber auch diese Karten zeichnen sich durch das Prädikat aus, in der Luft befördert worden zu sein.

Das Flugzeug landete entsprechend der heutigen Vorstellung völlig normal, benötigte aber aufgrund der leichten Bauweise und des geringen Gewichts nur eine relativ kurze Start- und Landebahn. Für die Maschine sind folgende Flugzeiten überliefert worden:

Datum Uhrzeit Start Ziel
Mo, 10. Juni 1912 19.04 - 19.17 Uhr Frankfurt Darmstadt
Do, 13. Juni 1912 15.39 - 15.55 Uhr Darmstadt Worms
Do, 13. Juni 1912 18.35 - 19.15 Uhr Worms Mainz
Mo, 17. Juni 1912 16.10 - 16.30 Uhr Mainz Frankfurt
Sa, 22. Juni 1912 07.32 - 08.00 Uhr Frankfurt Darmstadt
Sa, 22. Juni 1912 19.22 - 19.37 Uhr Darmstadt Frankfurt

Die Pausen waren in dem Maße nicht eingeplant, sondern der Flugplan dünnte sich zwangsläufig durch kleinere Schäden und Defekte an der Maschine aus. Die letzte geplante Fahrt am 23. Juni 1912 konnte überhaupt nicht mehr durchgeführt werden, statt dessen musste ausnahmsweise das Luftschiff den Transport übernehmen, auch soweit „gelbe" oder „rote Hunde" aufgeliefert worden waren.

Nach rund einhundert Jahre späterer vorherrschender Ansicht verliert die Luftpostbeförderung ihren Sinn, wenn der Transport nicht schneller als auf dem gewöhnlichen Weg vonstatten geht. Bei der „Flugpost am Rhein und am Main 1912" war der Anspruch genau umgekehrt. Meist sammelten sich die eingelieferten Flugpostkarten bei den 5 Postabfertigungsstellen zu größeren Mengen an; sie lagerten dort so lange, bis sich am Orte selbst oder bei einer anderen Abfertigungsstelle eine Luftbeförderungsgelegenheit bot. Zum Auftakt der Postbeförderung durch die Luft waren die Maßstäbe noch andere. Die Beförderung durch die Luft war etwas grundsätzlich Neues, wobei der Zeitgewinn noch nicht im Vordergrund stand. Für die Rhein-Main-Flugpost galt: Jede Luftpostkarte muss - soll will es der anspruchsvolle Sammler - einen Teil ihres Weges durch die Luft nehmen, und sei er auch noch so kurz, gleichgültig auch, zu welchem Zeitpunkt und in welche Beförderungsrichtung. Geflogen musste die Karte sein, höher war das Bedürfnis der Sammler nicht. Viele der aufgelieferten Flugpostkarten waren an Empfänger im Aufgabeort gerichtet, manche auch an die eigene Adresse des Auflieferers. Sie erhielten den begehrten Sonderstempel, konnten aber erst mit großer Verspätung zugestellt werden, nachdem sie einen beschwerlichen Umweg durch die Luft genommen hatten. Es galt also eher das olympische Motto: „Dabeisein ist alles"!

f) Preisausschreiben

Was wäre ein öffentliches Ereignis ohne Preisausschreiben? Zum Abschluss der Veranstaltung hin wurden Restbestände der Marken zu 10 Pf. und 20. Pf. mit schwarzem Preisrätselaufdruck "E. EL. P." versehen und ab 22. Juni vertrieben. Unklar bleibt bisher, ob die hierfür vorgesehenen Marken bereits zuvor reserviert worden waren, oder der Geistesblitz während der Veranstaltung gekommen ist, also echte Restbestände verwertet wurden. Wie dem auch sei, es galt, die Bedeutung der vier Buchstaben zu erraten. Immerhin 600 als Luftpostkarten und an die "Flugpost Darmstadt" adressierten Lösungen gingen beim Veranstalter ein. Für die richtige Lösung war eine Zeppelin-Freifahrt im Werte von 250 Mark ausgesetzt. Nach der Überlieferung war durch die irreführende Anordnung der Punkte in dem Aufdruck die Lösung erschwert worden, weil nur ein Preis zur Verfügung stand und deshalb, wenn möglich, nur eine richtige Lösung eingehen sollte. Falls richtige Lösungen von mehreren Personen eingingen, sollte der Preis in Höhe von 250 Mark nach Köpfen aufgeteilt und bar ausgezahlt werden, die Luftschifffreifahrt also entfallen. Ging keine richtige Lösung ein, verfiel der Preis der Armenkasse.

Eine der 600 eingesendeten Karten.

Richtig war die Lösung EX EST LUFTPOST (übersetzt : Aus ist Luftpost). Nur einmal ging diese ein, und zwar von Fräulein Lilli Eiermann aus Nürnberg, auf dem Luftweg mit Sonderstempel Frankfurt (Main), 23.6.1912, übermittelt. Soweit die offizielle Version.

Klare Überlegung hierbei, der Veranstalter war daran interessiert, nur eine richtige Antwort zu bekommen, sonst hätte der Betrag entweder der Armenkasse zugeführt, oder aber unter den mehreren Gewinnern aufgeteilt werden müssen. Der Freiplatz ließ sich dagegen leicht zu günstigeren Konditionen einschieben. Daher ist es eher wahrscheinlich, dass die Lösung erst im Nachhinein zu der richtigen erklärt wurde. Denn dass der Veranstalter einen derart kuriosen, eher sinnfreien Satz, der zudem noch lateinische Begriffe enthält, vorgab und dazu noch eine entsprechende Lösung einging, ist weniger wahrscheinlich als ein Hauptgewinn im Lotto. Deshalb wurde mitunter spekuliert, dass die Lösung der Gewinnerin zuvor verraten worden sei. Was die Buchstaben wohl wirklich bedeutet haben, erklärt sich aus dem Namen der Schirmherren, des hessischen Großherzogpaares, und dem der Veranstaltung: E. EL. P. hieß mit hoher Wahrscheinlichkeit "Eleonore-Ernst-Ludwig-Postkartenwoche". Und deshalb wurde diese Deutung auch viel zu häufig als Lösung eingesandt. Gleichwohl wird hier die offizielle Version vertreten, auch wenn bestimmt ein kleiner Schwindel dahinter steckt.

Zu allem Unglück ist das Luftschiff "Schwaben" knapp eine Woche nach der Veranstaltung bei der Landung in Düsseldorf abgebrannt, so dass der Preis über ein Schwesterluftschiff der Gewinnerin zuteil geworden ist.

g) Ergebnis

Als Fazit lässt sich festhalten, dass immerhin 460.700 Postkarten durch die Luft befördert wurden und so für ein hervorragendes Ergebnis sorgten. Insgesamt soll die Postkartenwoche 1912 zum Besten der Mutter- und Säuglingsfürsorge einen Reinerlös von 35 000 Mark erbracht haben. Die Veranstaltung war also in jeder Hinsicht ein Erfolg und wird allen damals Beteiligten als unvergessenes Erlebnis in Erinnerung geblieben sein. Das dieses Ereignis nicht überboten werden konnte, liegt auf der Hand. Von einer Folgeveranstaltung im Jahre 1913 ist nichts überliefert worden. Ein weiteres Jahr später brach der I. Weltkrieg aus, so dass an eine Fortsetzung nicht mehr zu denken war. So schließt sich das Kapitel der ersten größeren Luftpostbeförderung in Deutschland, wenn nicht auf der ganzen Welt.